Virtuelle Exzellenz durch Systematik: Das MAGMA PRINZIP bei Pusan Cast Iron

Die Herstellung sicherheitsrelevanter Gussteile erfordert heute ein Maß an Prozessbeherrschung, das mit konventionellen Trial-and-Error-Methoden längst nicht mehr erreichbar ist. Fehler im Gießprozess wirken sich nicht nur punktuell auf die Qualität und Betriebssicherheit des einzelnen Bauteils aus, sondern beeinflussen die Robustheit und Wirtschaftlichkeit der gesamten Prozesskette. Insbesondere hochbelastete Bauteile wie Kardangelenke stellen höchste Anforderungen an Dichtheit, Dauerfestigkeit und reproduzierbare Werkstoffqualität.

Pusan Cast Iron, Korea, führender Anbieter von Komponenten für Antriebs- und Verbrennungssysteme, war bei der Entwicklung eines Kardangelenkes mit gravierenden Schwindungsfehlern konfrontiert. Diese Defekte verhinderten die Bauteilfreigabe, reduzierten die Produktivität signifikant und führten zu einer drastischen Kostensteigerung.

Ausgangssituation: Kritische Prozessinstabilität

Dichtheitsprüfungen offenbarten gravierende, die Stabilität eines Gussteils beeinträchtigende Schwindungsdefekte in einer einzelnen Kavität der Zwölffachform. Obwohl die übrigen elf Kavitäten fehlerfreie Teile produzierten, reichte dieser Defekt aus, um den gesamten Prozess infrage zu stellen: Die Ausbringung sank damit faktisch auf elf statt zwölf einwandfreie Gussteile pro Abguss – ein inakzeptabler Zustand für ein Unternehmen, das auf eine maximale Formauslastung angewiesen ist. Eine dauerhafte Produktion mit elf Kavitäten war daher keine Option, da dies die Wirtschaftlichkeit der Fertigung fundamental untergraben hätte. Damit stand Pusan Cast Iron vor einem klassischen Dilemma: entweder eine kosten- und zeitintensive Trial-and-Error-Suche nach einer Lösung – oder ein methodischer Ansatz, der das Problem virtuell abbildet, Ursachen sichtbar macht und systematisch zur optimalen Maßnahme führt.

Bild 1: Porosität in kritischen Bereichen des Gussteils verursachte hohen Ausschuss

Bild 1: Porosität in kritischen Bereichen des Gussteils verursachte hohen Ausschuss

Das MAGMA PRINZIP als methodischer Rahmen

Statt der konventionellen Problemlösungsmethode nach dem klassischen Trial-and-Error-Prinzip entschied sich Pusan Cast Iron für einen Paradigmenwechsel: eine simulationsgestützte Optimierungsstrategie mit MAGMASOFT®, die die gesamte Prozesskette virtuell abbildet – von der Schmelze über die Formfüllung bis hin zur Erstarrung.

Im ersten Schritt wurden die realen Defekte virtuell reproduziert. Mit Hilfe von MAGMASOFT® konnten die Schwindungsbereiche präzise lokalisiert und die zugrunde liegenden Ursachen sichtbar gemacht werden. Die Ergebnisse 'Fraction Liquid' und 'Hot Spot FSTime' offenbarten isolierte Erstarrungsbereiche, die aufgrund unzureichender Speisung zu Schwindungsporosität führten (Bild 2). Damit stand erstmals nicht nur die Beobachtung der Defekte, sondern auch das physikalische Verständnis von deren Entstehen im Fokus – die Basis für eine nachhaltige Optimierung.

Das MAGMA PRINZIP stellt hierfür den methodischen Rahmen dar: eine strukturierte Vorgehensweise, die virtuelle Versuchsplanung mit systematischer Entscheidungslogik verknüpft. Die Methodik setzt dabei auf sechs Schritte: Zieldefinition, Freiheitsgrade spezifizieren, Qualitätskriterien definieren, Aufgabenstrukturierung, Vorgehensweise auswählen und Umsetzung. Jeder Schritt setzt unmittelbar am Problem an – und trägt iterativ und effizient zur Lösung bei.

Bild 2: Die Simulation des realen Prozesses zeigte die Bildung unerwünschter Wärmezentren in kritischen Bauteilbereichen

Bild 2: Die Simulation des realen Prozesses zeigte die Bildung unerwünschter Wärmezentren in kritischen Bauteilbereichen

1. Zieldefinition: Präzision und Effizienz als Leitgrößen

Das primäre Ziel war eindeutig: die vollständige Eliminierung von Schwindungsdefekten bei gleichzeitiger Wiederherstellung der ursprünglichen Produktivität der Zwölffachform. Sekundärziele umfassten die Reduktion des Ausschusses und die Sicherung einer langfristig robusten Prozessführung. An diesem Schritt wird deutlich: Das MAGMA PRINZIP erfordert es, Probleme in konkrete, messbare Ziele zu übersetzen – anstatt sie abstrakt oder allgemein zu belassen.

2. Freiheitsgrade: Systematisch definierter Lösungsraum

Die Freiheitsgrade sind geeignete Prozess- oder geometrische Parameter, die während einer Versuchsplanung variiert werden sollen, um die festgelegten Ziele zu erreichen. Sie bestimmen die Anzahl der zu untersuchenden Varianten, mögliche Parameterkombinationen und daraus resultierende Designanzahl und definieren somit den Rahmen der Optimierung. In MAGMASOFT® ermöglichen sie es, den Lösungsraum für eine virtuelle Versuchsplanung (Design of Experiments, DoE) exakt zu fassen und simulationsgestützt systematisch zu untersuchen. Sie bestimmen damit den Umfang der Berechnungen.

Im konkreten Anwendungsfall erwiesen sich zwei Prozessparameter als entscheidend, da sie einen maßgeblichen Einfluss sowohl auf die Speisung als auch auf das Erstarrungsverhalten ausübten:

Speiserhalsposition (Variation in 5-mm-Schritten bis 20 mm, siehe Bild 3),

Gießtemperatur (1.350 - 1.400 °C in 10 °C-Intervallen).

Bild 3: Die virtuelle Variation der Speiserhalsposition vermeidet zeit- und kostenintensive Anpassungen der realen Form im klassischen Trial-and-Error-Verfahren

Bild 3: Die virtuelle Variation der Speiserhalsposition vermeidet zeit- und kostenintensive Anpassungen der realen Form im klassischen Trial-and-Error-Verfahren

3. Qualitätskriterien: Messen & Bewerten

Für die Bewertung der einzelnen Varianten im Rahmen einer virtuellen Versuchsplanung werden quantitative Qualitätskriterien definiert. Diese Kennwerte sind die objektive Grundlage zur systematischen Beurteilung der Prozessrobustheit und zur Ermittlung von Optimierungspotenzialen. Die Kombination dieser Kennwerte ermöglicht eine mehrdimensionale Optimierung, bei der mögliche Zielkonflikte, etwa zwischen Speisungssicherheit und thermischer Belastung, sichtbar gemacht und gegeneinander abgewogen werden können. Auf diese Weise ersetzen messbare Größen subjektive Einschätzungen durch eine reproduzierbare, datengestützte Bewertung.

Im konkreten Anwendungsfall wurden folgenden Kriterien herangezogen:

Porositätsvolumen und -anzahl – zur direkten Quantifizierung von Schwindungsdefekten,

Homogenität der Erstarrung – zur Beurteilung der gleichmäßigen Wärmeabfuhr und zur Vermeidung isolierter Wärmezentren,

Ausbringung – als produktivitätsrelevante Größe.

4. Aufgabenstrukturierung: Effizienz durch geometrische Reduktion

Um den Zeit- und Rechenaufwand zu minimieren, ohne die Genauigkeit der Simulationsergebnisse zu beeinträchtigen, wurde die Komplexität des Projektes schrittweise reduziert:

Zunächst wurde die kritische Kavität mit Hilfe einer 'Cutbox' isoliert, was zur Reduzierung der Rechenzeit von 3,5 h auf 1 h führte.

Zudem konnten durch parallele Berechnungen mit jeweils vier Kernen pro Variante acht Designs gleichzeitig simuliert werden. Diese vollständige Ausnutzung der 32-Kernlizenz bei Pusan reduzierte die effektive Berechnungszeit auf 24 Minuten pro Variante.

Insgesamt führte das Vorgehen zu einer Effizienzsteigerung von 86 %. Gleichzeitig erlaubte die Fokussierung auf die kritische Kavität eine gezielte Analyse der physikalischen Mechanismen, die für die Defekte verantwortlich waren – ohne unnötig Rechenzeit in unkritischen Bereichen zu binden. Damit war die Grundlage geschaffen, um eine umfassende und belastbare Versuchsplanung in vertretbarer Zeit durchzuführen.

5. Vorgehensweise: DoE, Parallelkoordinaten, Haupteffekte

Die Bestimmung eines adäquaten Prozessfensters erfolgte über eine vollfaktorielle Versuchsplanung aller 30 Kombinationen von Speiserhalsposition und Gießtemperatur. Zur Auswertung der Ergebnisse wurden zwei zentrale Werkzeuge eingesetzt:

Das Parallelkoordinatendiagramm: zum Visualisieren von Abhängigkeiten zwischen Freiheitsgraden und Qualitätskriterien und Identifizieren robuster Parameterkonstellationen.

Die Haupteffektematrix: zum Quantifizieren des Einflusses einzelner Freiheitsgrade auf die Qualitätsmetriken und zum Bewerten der Sensitivitäten.

Die Auswertung der DoE lieferte eindeutige Resultate: Ein Versatz des Speiserhalses um 15 mm (Design 2) reduzierte die Schwindungsdefekte auf ein akzeptables Niveau; ein Versatz um 20 mm (Design 1) führte zwar ebenfalls zu einer sicheren Speisung, erhöhte jedoch die geometrische Komplexität der Form erheblich und ließ keine ökonomisch vertretbare Umsetzung zu. Der 10-mm-Versatz (Design 3) konnte hingegen die Speisung nicht in allen Fällen gewährleisten, weshalb diese Variante ausgeschlossen wurde.

Variationen der Gießtemperatur zeigten dagegen kaum relevante Effekte (Bild 5): Variationen zwischen 1.350 °C und 1.400 °C wiesen lediglich marginale Unterschiede auf (< 2 % Einfluss auf das Schwindungsvolumen). Damit bestätigte sich die ursprüngliche Temperatur von 1.370 °C als zielführend und prozessstabil.

Bild 4: Mit Hilfe des Parallelkoordinatendiagramms konnten robuste Prozessparameterkonstellationen evaluiert werden

Bild 4: Mit Hilfe des Parallelkoordinatendiagramms konnten robuste Prozessparameterkonstellationen evaluiert werden

Bild 5: Die Haupteffektematrix dient der Visualisierung des Einflusses von Gießtemperatur und Speiserhalsposition auf das Qualitätskriterium Porositätsvolumen

Bild 5: Die Haupteffektematrix dient der Visualisierung des Einflusses von Gießtemperatur und Speiserhalsposition auf das Qualitätskriterium Porositätsvolumen

Die Kombination aus 15-mm-Speiserhalsversatz mit unveränderter Gießtemperatur von 1370 °C stellte somit die optimale Maßnahme dar – eine Lösung, die sowohl technische Robustheit als auch wirtschaftliche Effizienz gewährleistet.

Die Methodik zeigt ihren Vorteil darin, dass nicht nur einzelne Varianten getestet, sondern systematisch sämtliche Parameterkombinationen untersucht werden. So wird verhindert, dass scheinbar „zufällige“ Verbesserungen den Blick auf die eigentliche Fehlerursache verstellen. Stattdessen wird das Erarbeiten einer belastbaren, reproduzierbaren Lösung ermöglicht.

6. Umsetzung und Validierung: Von der Simulation in die Serie

Auf Basis der Ergebnisse aus der virtuellen Versuchsplanung wurde die Geometrie der Zwölffachform für den neuen Speiserhals modifiziert. Die anschließende Validierung im realen Produktionsprozess bestätigte die Prognosen eindeutig (Bild 6): Die Porosität wurde auf ein akzeptables Maß reduziert, so dass das Gießen der Zwölffachform stabil und fehlerfrei lief, die Produktivität um 9 % stieg und die Ausschussquote auf null sank.

Das Ergebnis verdeutlicht den Mehrwert eines methodischen, simulationsgestützten Vorgehens: Ein klar definiertes Problem führte durch systematische Analyse und gezielte Umsetzung zur nachhaltigen Lösung.

Bild 6: Die richtige Systematik half bei der Reduzierung der Porosität auf ein akzeptables Maß

Bild 6: Die richtige Systematik half bei der Reduzierung der Porosität auf ein akzeptables Maß

Fazit: Systematik als Wettbewerbsvorteil

Das Projekt bei Pusan Cast Iron zeigt exemplarisch, wie das MAGMA PRINZIP die Brücke von virtueller Prognose zur industriellen Realität schlägt. Durch die präzise Kombination von Zieldefinition, geeigneten Freiheitsgraden, messbaren Qualitätskriterien, effizienter Aufgabenstrukturierung, methodischer Versuchsplanung und konsequenter Umsetzung gelang es, Entwicklungsprozesse nicht nur zu beschleunigen, sondern qualitativ auf ein neues Niveau zu heben und von Beginn an robuste Serienprozesse auszulegen.

Pusan Cast Iron wandelte ein akutes Produktionsproblem in eine methodisch fundierte Erfolgsgeschichte – und demonstriert, dass Exzellenz nicht aus dem Zufall resultiert, sondern aus Stringenz, systematischem Vorgehen und der konsequenten Nutzung moderner Simulationstechnologie.